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am 20. Oktober

Währings Märkte

(Web Redaktion) - In Währing gibt es drei sehr unterschiedliche Märkte: den Kutschkermarkt, den Markt am Nepomuk-Vogl-Platz und den Gersthofer Markt. Wir beleuchten die aktuelle Situation dieser drei Märkte.

Der Geograph Walter Christaller fand bereits in den 1950er Jahren heraus, dass Märkte meistens an der Schnittstelle von Handelsrouten entstanden sind und als zentrale Orte oft am Beginn der Entstehung eines Dorfes oder einer Stadt standen. 

Soziales Leben braucht ein Zentrum, und wenn wir heute versuchen, alte Grätzl wieder zum Leben zu erwecken, dann brauchen auch diese einen solchen Mittelpunkt. Märkte eignen sich sehr gut, da sie wichtige Funktionen wie etwa einen Teil der Nahversorgung übernehmen. Sie sind und waren immer auch Treffpunkte, an denen die Menschen zusammenkommen, um sich zu unterhalten, zu verlieben, zu streiten oder Geschäfte zu machen. Währing hat drei solche Treffpunkte, die sehr unterschiedlich gestaltet und entwickelt sind. ​

Der Kutschkermarkt 

Der Kutschkermarkt befindet sich im Zentrum Innerwährings und hat sich in den letzten Jahren enorm entfaltet – so intensiv, dass manche ihn schon wieder meiden, weil ihnen der Trubel zu groß und der Platz zu eng geworden ist. 

Rund um Irene Pöhl hat sich eine Gruppe von Geschäftsleuten gebildet, die für die Belebung des Marktes sorgen, und sie tun das mit großem Erfolg. An sonnigen Tagen ist es schwierig, einen Sitzplatz zu finden, weswegen die Standler auch stets versuchen, noch den einen oder anderen Tisch irgendwo unterzubringen. Die einen freut das, die anderen ärgert die Enge und die langsame Veränderung hin zur Gastro-Meile. 

Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte und die Zukunft wird nicht nur vom neuen, gerade in Ausarbeitung befindlichen Marktordnungsgesetz geprägt werden, sondern auch vom Geschick aller Beteiligten, gute Lösungen zu finden. ​

Der Markt am Johann-Nepomuk-Vogel Platz 

Ganz andere Sorgen finden wir am Johann-Nepomuk-Vogel Platz vor, wo sich der zweite Markt Währings befindet. Die vom ehemaligen Bezirksvorsteher Karl Homole ausgerechnet in der Mitte des Markts errichtete große WC-Anlage und die Öffnung der Marktstände zur Straße hin erlauben nur wenige Möglichkeiten der Neugestaltung, die sich viele in der Umgebung wünschen. Doch gibt es Hoffnung für diesen Markt, der sich im Zentrum des lange Zeit vernachlässigten Kreuzgassenviertels befindet. 

Ein Lichtblick für das ganze Grätzl ist der Neubau, der das ehemalige „Haus der Barmherzigkeit“ einen Häuserblock stadt- auswärts ersetzen soll und viele neue Menschen in das Viertel bringen wird.

Aber schon jetzt gibt es einige positive Veränderungen, die von engagierten Marktstandlerinnen ausgehen: Die Schwestern Petra und Maria Kaufmann zum Beispiel, die mit ihrem Kaufmannsladen im April 2015 begonnen und inzwischen mit der 

„Blauen Elise“ ein zweites Lokal am Markt eröffnet haben. Der Marktstand hat aus ihrer Sicht genau die richtige Größe, sie verändern das Warenangebot ständig und können sich auf eine treue Stammkundschaft verlassen. 

Allerdings: Nur vom Warenverkauf könnten sie nicht überleben, die acht Verabreichungsplätze sind meist gut besetzt, es gibt Mittagsmenüs und exzellente Mehlspeisen zum Kaffee. Die wichtigste Herausforderung 2018 wird für sie das Marketing der Blauen Elise (benannt nach einer Erdäpfelsorte) sein, denn die hintere Ecke des Marktes führt ein sprichwörtliches Schattendasein. Neuanfänge am Johann Nepomuk Vogel Platz sind offenbar nicht leicht. Das 2017 eröffnete Geschäft mit georgischen Spezialitäten ist derzeit wieder geschlossen. ​

Der Gersthofer Markt 

Der dritte Markt ist der kleinste und befindet sich im Zentrum Gersthofs. In einer Art Dreieck liegt der Gersthofer Markt, ergänzt durch ein paar Geschäfte, rund um die Schnellbahnstation. Die Fleischerei Bauer sticht hier durch Engagement hervor, gemeinsam mit dem Gemüsehändler Canli und dem Fischhändler Aksoy bildet sie die Kraft, die dem Markt den verdienten Aufschwung bringen kann. 

Märkte-Buch 

Im Buch „Wiener Märkte“ (Georg Renöckl, Braumüller-Verlag 2017) beschreibt der Autor auf insgesamt zehn Seiten die schönen und auch die weniger schönen Seiten dieser drei Märkte. Seine Aufzählung der Angebote müssen wir hier nicht wiederholen, am besten macht man/frau sich selbst ein Bild und besucht die Geschäfte mit ihrem vielfältigen Angebot. 

Obwohl das Buch brandneu ist, kann es die ständige Veränderung nicht abbilden, die zu einem Markt dazu gehört. Das Geschäft der „Froihoferin“ ist schon wieder Geschichte, dafür hat am Eck Schulgasse/ Kutschkergasse das „Franze“ eröffnet, eine höchst engagierte Kaffeerösterei, in der man nicht nur unzählige Kaffee- und Teesorten samt Beratung zu kaufen und zu verkosten bekommt, sondern auch ein zweites Wohnzimmer finden kann, sofern das der Wunsch ist. Belebt und gemütlich, ein neuer Treffpunkt im Grätzl, so wie das Himmelblau am Kutschkermarkt. Im Frühling wird es – so viel darf schon verraten werden – einen Schanigarten für das Franze geben, auf den sich nicht nur die Betreiber des Lokals freuen. 

Wie sieht die Zukunft der Märkte aus? 

Wir wollen die Märkte in Währing erhalten und stärken, damit der Traum von gut funktionierenden Märkten als lebendige Grätzelzentren und Teil einer gut gelebten Nahversorgung ein Stück mehr realisiert wird. Die juristischen, bürokratischen und historischen Altlasten dabei sind wohl ebenso verwinkelt wie manche Wiener Märkte. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf, dass das neue Marktordnungsgesetz die richtigen Weichen stellt: so liberal wie möglich, so streng wie notwendig. Jeder Markt ist anders und Gesetze können die notwendigen Schritte somit nur bedingt bewirken. 

Das Überleben bzw. Florieren der Märkte hängt auch stark davon ab, ob die Menschen im Bezirk lieber zum Markt oder in den Supermarkt einkaufen gehen. Erst die Umsätze erlauben den MarktstandlerInnen die Freiheit so mancher positiven Neugestaltung, die wiederum weitere Kundschaft anlockt. 

Von der Stadtpolitik brauchen wir förderliche Rahmenbedingungen und ein Mindestmaß an Gestaltungsfreiheit. Von den Währingerinnen und Währingern brauchen wir den Mut und die Neugier, neue Geschäfte und Angebote auch auszuprobieren. Die Marktstände wiederum müssen an ihrem Marketing feilen und – wie Renöckl so treffend schreibt – ihre Interessen und Kräfte bündeln, miteinander und nicht gegeneinander arbeiten, um als Ganzes erhalten zu bleiben. 

Der Bezirk braucht seine Märkte auf jeden Fall, so wie die Menschen den Bissen Brot, zu dem sie am Markt das Währinger Leben gratis dazubekommen.