Wir brauchen mehr Platz für Währing | Silvia Nossek

Silvia Nossek

Die Zeit drängt: Bis 2030 müssen wir entscheidende Maßnahmen gegen die Klimakrise gesetzt haben, um ihre Auswirkungen in beherrschbaren Grenzen zu halten. Eines der größten Klima-Sorgenkinder ist der Verkehr – der Treibhausgas-Ausstoß in diesem Sektor steigt stetig statt auch nur ansatzweise abzunehmen. Und gerade in diesem Sektor sind die Beharrungskräfte stark, deren Lobbys laut.

Umso wichtiger sind Initiativen wie „Platz für Wien“ mit ihren Forderungen für eine klimagerechte und verkehrssichere Stadt. Ihre Petition fand so breite Unterstützung, dass der Petitionsausschuss der Stadt Wien die thematisch involvierten StadträtInnen und alle 23 BezirksvorsteherInnen zur Stellungnahme aufgefordert hat – hier meine Stellungnahme als Bezirksvorsteherin von Währing:

Ich begrüße die Initiative und unterstütze das Anliegen von Platz für Wien, wirksame Maßnahmen für mehr Sicherheit und Lebensqualität in der Stadt sowie zur Bekämpfung der Klimakrise zu setzen. Das bedeutet vor allem, und darum können wir uns nicht mehr herumschwindeln, dass wir alle gemeinsam insgesamt weniger Autofahren müssen und außerdem der Bestand an Autos deutlich reduziert werden muss.

Der 18. Bezirk hat in der letzten Legislaturperiode in Zusammenarbeit mit der MA19 (Architektur und Stadtgestaltung) einen „Entwicklungsplan Öffentlicher Raum“ (EÖR Währing) erarbeitet. Darin sind die Potentiale in Währing in Hinblick auf die oben beschriebenen Ziele erhoben und Empfehlungen für die Bezirkspolitik formuliert. Gemeinsam mit den Planungsvorgaben der Stadt (Stadtentwicklungsplan 2025 mit den diversen Fachkonzepten, Freiraumnetz, Hauptradwegenetz) ist das der Rahmen für die Maßnahmen im Öffentlichen Raum.

Zu den Forderungen der Initiative im Einzelnen:

Attraktive Straßen zum Gehen und Verweilen

Gemäß den Empfehlungen des EÖR Währing wurden bereits in den letzten Jahren zahlreiche Projekte zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität bzw. zur Schaffung attraktiver Fuß-Verbindungen umgesetzt: Schaffung von Micro-Freiräumen (Weimarer Straße zwischen Währinger Straße und Schulgasse, Schumanngasse Ecke Hildebrandgasse, Währinger Straße bei der Schubertparkmauer), autofreie Gestaltung des Schulvorplatzes Schulgasse, Baumpflanzungen entlang der wichtigen Geh-Achsen Theresiengasse und Teschnergasse sowie in Währings beliebtester Einkaufsstraße, der Währinger Straße.

Weitere Projekte sind in Planung bzw., wie die Neugestaltung des Gersthofer Platzls, in Umsetzung.

In den vergangenen 5 Jahren wurden über 80 zusätzliche Bäume im dichtverbauten Gebiet gepflanzt sowie hoch gefährdete Baumstandorte saniert, indem asphaltierte Autoabstellplätze zwischen den Bäumen aufgelassen, die Oberfläche wieder entsiegelt und die vormaligen Grünstreifen so wiederhergestellt wurden.

Wo immer möglich und gewünscht werden Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum errichtet. Seit allgemein bekannt ist, dass der Bezirk ein offenes Ohr für diesbezügliche Anliegen hat, erhalte ich regelmäßig Information darüber, wo eine Bank fehlt, um auf den täglichen Wegen kurz ausruhen zu können – und bislang haben wir immer noch eine Stelle gefunden, wo die Bank aufgestellt werden konnte. In Summe haben wir in den letzten 5 ½ Jahren wohl über 60 zusätzliche Sitzgelegenheiten in Währing errichtet.

Im Zuge der Einführung der Parkraumbewirtschaftung war es dem Bezirk außerdem ein Anliegen, an so vielen Stellen im Bezirk wie möglich die Gehsteige für den Fußverkehr frei zu machen: Entfernung von Gehsteig-Anrampungen und Umwandlung der Schrägparkordnungen in Längsparkordnungen, Verlegung der Müllinseln von den Gehsteigen in die Parkspuren, generell soweit möglich Entrümpelung der Gehsteige.

Probleme in diesem Zusammenhang, die leider außerhalb des Einflussbereiches der Bezirke liegen, sind zum einen die Schaltkästen, insbesondere die mittlerweile sehr großen Schaltkästen für die Glasfaser-Versorgung, die generell am Gehsteig platziert werden – ohne Rücksicht auf Durchgangsbreiten, sowie die Richtlinien für die Errichtung von Verkehrszeichen – sowohl was Quantität (der Schilderwald ist immer wieder beeindruckend) als auch Qualität anlangt (die Platzierung auf dem Gehsteig, 60 cm von Randstein entfernt ist immer wieder ein Hindernis).

Skeptisch bin ich, was die Umlegung eines Konzepts wie das der „Superblocks“ auf gründerzeitliche Strukturen wie jene in unserem Bezirk anlangt. Es erschließt sich nicht, welche Straßen in Währing als „Nicht-Wohngebiete“ deklariert werden könnten, die weniger Anrecht auf Verkehrssicherheit und Lebensqualität hätten als andere.

Sichere Mobilität für Kinder

Dass unsere Kinder und Jugendlichen den Schulweg, den Weg zum Spielplatz, den Weg zum Besuch von Freunden selbständig zurücklegen können, ist unserem Bezirk zentrales Anliegen. Die Maßnahmen dafür betreffen einerseits Infrastruktur und öffentlichen Raum: von der schulwegsicheren Ausgestaltung zahlreicher Kreuzungen bis zur Errichtung zusätzlicher Schutzwege, von der autofreien Gestaltung des Schulvorplatzes Schulgasse bis zur Ausweitung von Tempo 30 – mittlerweile gibt es keine Schule in Währing mehr, vor der mit mehr als 30 km/h gefahren werden darf. Besonders freut mich, dass wir in Zusammenarbeit mit den Wiener Linien bei drei Schulweg-Kreuzungen im Zusammenhang mit Straßenbahn-Haltestellen nun für den jeweiligen Haltestellenbereich vor und nach der Kreuzung Tempo 30 verordnet bekommen – trotz Schienenstraße.

Dazu kommt die Zusammenarbeit mit Schulleitungen und Elternvereinen zur Reduktion oder zumindest sicheren Abwicklung des „Elterntaxi-Verkehrs“, die Unterstützung der qualitativ hochwertigen Schulterblick-Radkurse für Schulen in Währing, sowie seit zwei Jahren eine Kampagne zu Schulbeginn, um das Bewusstsein der Autofahrenden dafür zu schärfen, dass die Kinder und Jugendlichen unser aller Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme brauchen.

Weitere Projekte werden folgen. Wichtige Input-Geber in diesem Zusammenhang sind das Kinderparlament und das Jugendparlament, aus denen bereits zahlreiche Impulse für Verbesserungen bezüglich Verkehrssicherheit gekommen sind.

Durchgängige und sichere Radinfrastruktur

Mit der Einführung der Parkraumbewirtschaftung 2016 hat Währing eine Offensive zur Öffnung von Einbahnen für den Radverkehr in beide Richtungen gestartet. Gemäß Statistik der Radlobby waren Anfang 2020 in Währing 73% der Einbahnen geöffnet – gegenüber 34% noch 5 Jahre davor. Unser Bezirk hat sich damit vom 12. Platz unter Wiens Bezirken auf den ersten Platz katapultiert. Im Jahr 2020 kamen dann noch einmal wichtige Einbahnen dazu, wie die durchgängige Öffnung der Antonigasse und der Blumengasse in Zusammenarbeit mit dem 17. Bezirk sowie weite Abschnitte der Paulinengasse und der Lacknergasse. Die letzten Lückenschlüsse folgen hoffentlich bald.

Und auch was den Versorgungsgrad mit Radabstellanlagen hat der Bezirk gemäß Radlobby zugelegt: Vom 11. Platz unter Wiens Bezirken im Jahr 2011 auf den 4. Platz Ende 2020, die Anzahl der Radabstellanlagen hat sich in den letzten 5 Jahren nahezu verdoppelt. Und insbesondere mit der Corona-Krise hat sich die Nachfrage nochmals verstärkt.

An wichtigen Radverbindungen wurde der Radweg über den Lidlberg bis zur Währinger Straße gebaut, die Radverkehrsanlage in der Gymnasiumstraße bis zur Sternwartestraße verlängert, sowie die Schulgasse im oberen Bereich fahrradfreundlich gestaltet – der untere wird folgen. Wichtiges Ziel in den nächsten 5 Jahren ist die Schaffung einer durchgängigen guten Radverbindung von Pötzleinsdorf bis zum Gürtel.

Außerdem sind wir gerade dabei, Initiativen zu planen, um immer mehr Menschen immer öfter Lust zu machen, ihre Wege mit dem Rad zurück zu legen.

Sichere Kreuzungen

In den letzten 5 Jahren wurden zahlreiche Kreuzungen im Bezirk sicher umgestaltet – Leo-Slezak-Gasse # Theresiengasse, Ferrogasse # Alsegger Straße, Bastiengasse # Alsegger Straße, Witthauergasse # Bastiengasse, entlang der Währinger Straße, sämtliche Kreuzungen im oberen Bereich der Schulgasse, usw. usw. Weitere Projekte sind in Planung.

Die für den Fußverkehr besonders ärgerlichen Ampelschaltungen Währinger Straße #Kutschkergasse und Gentzgasse # Kutschkergasse wurden wesentlich fußverkehr-freundlicher programmiert. Bei der Kreuzung Teschnergasse # Kreuzgasse konnte die erste Ampelanlage in Währing entfernt und durch gute begleitende Maßnahmen die Attraktivität für Fuß- und Radverkehr erhöht werden, ohne an Sicherheit einzubüßen. Weitere Ampelanlagen sind diesbezüglich in Prüfung.

Zum Abschluss noch zwei Anmerkungen:

1. Die meisten der oben geschilderten Maßnahmen brauchen Mehrheiten in der Bezirksvertretung, die Unterstützung der Magistratsabteilungen sowie auch der Stadtpolitik – vor allem, aber nicht nur, finanzielle Unterstützung. Da sind wir insgesamt auf einem guten Weg, es braucht aber immer wieder die Erinnerung, dass wir nur gemeinsam diese Herausforderungen bewältigen werden.

2. Nach jahrzehntelangem Engagement für umwelt- und menschenfreundlichen Verkehr in der Stadt und nun 5 ½ Jahren Tätigkeit als Bezirksvorsteherin glaube ich, dass die Infrastruktur wichtig ist, aber sie allein das Problem nicht lösen wird. Die Herausforderung ist auch, wie wir zu einem Kulturwandel beim Autofahren kommen – dahin, dass derzeit weitgehend übliche Gesetzesübertretungen nicht mehr als Kavaliersdelikte betrachtet werden, sondern eben als Gesetzesübertretungen, die andere VerkehrsteilnehmerInnen gefährden oder einschränken:
Überschreiten der erlaubten Höchstgeschwindigkeiten, Beschleunigen bei grünblinkender Ampel, Überfahren von Ampeln bei Rot, Nicht-Anhalten bei Zebrastreifen, Zuparken von Kreuzungsbereichen, Beschäftigung mit dem Handy während der Fahrt. Sehr viele Anliegen, die an mich herangetragen werden, haben einfach damit zu tun, dass sich Autofahrende nicht an die Regeln halten.

Und wie wir dahin kommen, dass die Menschen nicht nur direkt vor ihrer Haustüre wenig Autoverkehr, wenig Lärm und rücksichtsvolle VerkehrsteilnehmerInnen haben wollen, sondern dass sie, wenn sie sich hinters Lenkrad setzen, auch den Rest der Stadt nicht als Durchzugsstrecke, als Weg von A nach B wahrnehmen – sondern als Ort, an dem andere Menschen leben, Kinder unterwegs sind und ältere Menschen gerne gefahrlos die Straße überqueren würden.

Ich versuche, wo immer es geht, diesbezüglich einen Bewusstseinswandel und eine andere Kultur zu fördern – das ist mir mittlerweile ein zentrales Anliegen. Es ist das meiner Meinung nach der wichtigste Hebel für eine menschengerechte Stadt, in der das Auto zwar ein nützliches Verkehrsmittel ist, aber nicht zugelassen wird, dass es die Lebensqualität der BewohnerInnen in dem Maße einschränkt, wie es das heute tut. Und dazu ist es eben nicht nur eine Frage, wie der Platz „gerecht“ aufgeteilt ist, sondern gerade in gewachsenen Stadtstrukturen auch eine Frage, wie rücksichtsvoll er gemeinsam genutzt wird – und das wiederum betrifft aufgrund seines Gefährdungspotentials vor allem den Autoverkehr.

Zwei Leseempfehlungen noch am Schluss:

Eine Analyse aller Stellungnahmen:durch Platz für Wien gibt es hier …
Einen Kommentar zu den Stellungnahmen auf Facebook gibt es hier …

Silvia Nossek, Bezirksvorsteherin


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