Währing – ein Mikrokosmos jüdischer Geschichte | Elisabeth Blum

Seit November zeigt die Ausstellung „Schnitzler im Gemeindebau. Das jüdische Währing – Blüte – Vernichtung – Gedenken“ im Amtshaus in der Martinstraße ein Stück vergessener und verdrängter Währinger Geschichte. Ich kann dir sehr empfehlen, diese liebevoll und kompetent kuratierte Ausstellung zu besuchen!

Die Ausstellung zeigt, dass Währing ein Mikrokosmos jüdischer Geschichte war. Die in den 1880er Jahren in der Schopenhauerstraße errichtete Synagoge bot über 500 Menschen Platz, das Rothschildspital am Währinger Gürtel war um 1900 eines der modernsten Krankenhäuser Wiens. Vor dem Anschluss 1938 lebten über 5.000 Jüdinnen und Juden im 18. Bezirk – „kleine Leute“ im Gemeindebau und VillenbesitzerInnen im Cottage, ArbeiterInnen und Geschäftsleute, NachbarInnen und Freunde.

Auch sie blieben von Gräueltaten und Zerstörungswut nicht verschont. Wo heute das moderne Währing mit seinen freundlichen Parks und schicken Kaffeehäusern verwöhnt, schrubbten im März 1938 JüdInnen, dem Mob ausgesetzt und öffentlich gedemütigt, antisemitische Schmierereien von den Gehsteigen.

Geschäftstreibende und Fabrikanten wurden enteignet – kaum jemand weiß heute noch von Währinger Unternehmen wie „Moritz Zuckermanns Witwe“ oder „Keramikmanufaktur Goldscheider“, die in der Ausstelung vorgestellt werden. Jüdische MieterInnen wie die Arbeiterschriftstellerin Else Feldmann wurden aus ihren Wohnungen delogiert, die Synagoge niedergebrannt, der Jüdische Friedhof devastiert.

Wenige mutige Menschen leisteten Widerstand, versteckten Juden und Jüdinnen oder versorgten sie mit Lebensmitteln, wie die Nonnen des Ursulinenklosters in der Gentzgasse. Nicht wenige wurden für dieses Engagement ermordet.

Berührend ist auch die Geschichte des Rothschild Spitals: Das am Währinger Gürtel 97 (dem heutigen WIFI Gelände) situierte Krankenhaus durfte als letztes in Wien noch jüdische Kranke und Gewaltopfer aufnehmen. Bis es Ende 1942 in ein Lazarett der Wehrmacht umgewandelt, der Großteil der jüdischen ÄrztInnen und PflegerInnen nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Nach dem Krieg bot das Spital ein letztes Mal Schutz – tausende KZ Überlebende und jüdische Flüchtlinge warteten hier auf ihre Weiterreise in eine bessere Zukunft.

Ein Beispiel für den wenig rühmlichen Umgang mit der Shoah nach dem Krieg ist die Errichtung eines Gemeindebaus direkt auf einstigen Gräbern des Jüdischen Friedhofs – inklusive der unsensiblen Benennung nach Arthur Schnitzler, der sich als Jude wohl gegen diese Verletzung jüdischen Totengedenkens verwehrt hätte.

Namensgebend für die Ausstellung war dieser Fauxpas allerdings nicht. Das war ein anderes der vielen Details, auf die Martha Keil, Direktorin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, und Renate Stockreiter, Grafikerin und Künstlerin, bei ihren Recherchen gestoßen sind, und die es in der Ausstellung zu entdecken gibt.

Die Ausstellung im Amtshaus Währing, Martinstraße 100 ist bis Ende August geöffnet. Zusätzlich gibt es drei Vorträge zu jüdischen Währinger Familien und Firmen. Öffnungszeiten und Veranstaltungstermine gibt es hier …

Elisabeth Blum, Aktivistin

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