Baumgeflüster in der Pötzleinsdorfer Allee

Wer genau hinhört, kann in der Pötzleinsdorfer Straße hören, wie zwischen dem Blätterrauschen die Bäume miteinander flüstern und sich ihre Geschichten erzählen. Wir haben ein paar Dialoge davon aufgefangen.

Tilia tomentosa: „Habt ihr gemerkt, was in den letzten Wochen hier los war? Dauernd Menschen, die etwas von Umbau und Rad­ weg und größeren Baumscheiben gespro­chen haben. Wir sollen mehr Platz bekom­men. Und sogar eine Bewässerung.“

Tilia cordata, die Ältere: „Ja, du wirst dich dran gewöhnen. Die Menschen reden viel, aber die Bäume sind ihnen selten ein An­ liegen. Ich steh nun schon 190 Jahre hier, und seitdem ist es immer nur schlechter geworden. Früher haben sie ab und zu ein Pferd an mir angebunden, aber heute, da fährt dich mindesten einmal im Monat so ein Auto an, wenn es abgestellt wird. Und wenn es gerade nicht mehr weh tut, dann rumst schon das nächste dagegen.“

Tilia cordata, die Älteste: „Ja, als ich gepflanzt wurde, das war noch unterm Kaiser Franz I., da war das hier ein Dorf mit guter Luft, ein paar Häusern und we­nig Menschen. Aber es sind dann immer mehr geworden. Häuser und Menschen. Und die Menschen dann auch noch mit ihren Events. Erinnerst du dich noch an das Skirennen 1895? Das war ein Auflauf. Gottseidank hatten die damals noch keine Autos!“

Tilia cordata, die Ältere: „Das haben die meisten von euch ja noch gar nicht erlebt. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Hungerwinter nach dem ersten großen Weltkrieg, Das ist jetzt auch schon wieder 100 Jahre her. Da haben die Menschen so wenig zum Essen und zum Heizen gehabt, dass sie ordentlich an uns rumgeschnit­ten haben. Da habe ich manchmal schon Angst gehabt, dass nichts von mir übrig­ bleibt. Und viele von uns haben sie gleich ganz umgeschnitten und zu Brennholz ge­macht.“

Tilia cordata, die Älteste: „Ja, diese Men­schen. Da erlebt man mit der Zeit schon viel Schlimmes. Das Schrecklichste war wohl, wie sie viele BewohnerInnen hier einfach abgeholt haben. Mit Gewalt und ohne jedes Mitleid. Kaum jemand von de­ nen ist zurückgekommen, und ich habe mir jahrzehntelang Sorgen gemacht. Erst jetzt, durch die Spaziergänge, die sie machen und wo sie davon erzählen, habe ich erfah­ren, dass all diese Menschen abtranspor­tiert und ermordet wurden. Das hat mich schon sehr erschüttert. Es ist nicht immer ein Vorteil, wenn man lange lebt.“

Tilia americana: „Stimmt. Da bin ich wirk­lich froh, dass ich noch nicht so alt bin. Die meisten von uns sind ja mitten im letzten großen Krieg oder kurz danach gepflanzt worden. Und dann war’s ja eigentlich eine sehr friedliche Zeit.“

Tilia cordata, die Jüngere: „Für die Men­schen ist es ja vielleicht besser geworden, aber was uns angeht, ist es doch immer schlechter und schlechter geworden. Im­mer mehr und mehr Autos – einfach auf unsere Wurzeln. Ich möchte gern wissen, was die Menschen sagen würden, wenn man ihnen dauernd zwei Tonnen Gewicht auf die Zehen stellt. Und es war ja noch ein Glück, dass sie nicht wie in anderen Stra­ßen noch mehr Platz für Autos gemacht haben – da wär’s einigen von uns wohl an den Kragen gegangen. Ich habe ja mal mitbekommen, dass unter dem früheren Bezirksvorsteher da was geplant war. Ist aber nix geworden. Aber wer weiß, was sie jetzt wirklich vorhaben.

Tilia tomentosa: „Also ich bleib optimis­tisch. Ich glaub, was ich gehört habe, und ihr werdet sehen, dass es uns schon bald viel, viel besser gehen wird. Ich glaub dran, dass wir mehr Platz bekommen und uns die Autos nicht mehr weh tun werden. Habt ihr schon vergessen, was aus der Al­segger Straße erzählt wird? Dort hat die neue Grüne Bezirksvorsteherin unsereins auch wieder Platz verschafft. Oder unten bei der Scheibenbergstraße, wo jetzt fünf mehr von uns Platz gefunden haben. Ich bin sicher, dass da auch für uns was Gutes passieren wird!“  

Es flüsterten mit:
Tilia cordata, die Älteste (Winterlinde): gepflanzt 1813, Pötzleinsdorfer Straße 46
Tilia cordata, die Ältere (Winterlinde): gepflanzt 1832, Pötzleinsdorfer Straße 41
Tilia americana ‚Nova‘ (Amerikanische Linde): gepflanzt 1940, Pötzleinsdorfer Straße 28
Tilia cordata, die Jüngere (Winterlinde): gepflanzt 1990, Pötzleinsdorfer Straße 55
Tilia tomentosa ‚Brabant‘ (Silberlinde): gepflanzt 2020, Pötzleinsdorfer Straße 58

Aufgezeichnet wurde das Gespräch von Marcel Kneuer. Die Altersangaben und Sorten der 107 Linden in der Pötzleinsdorfer Allee können im Baumkataster der Stadt Wien nachgelesen werden.

Wenn du dir selbst ein Bild vom Zustand der Bäume in der Pötzleinsdorfer Allee unter sachkundiger Führung machen willst, komm zum Pötzleinsdorfer Baumspaziergang der Währinger Grünen am Montag, 21. März 2022, 15 Uhr. Treffpunkt: Endstelle der Linie 41. Dauer ca. eine Stunde. Der Baumspaziergang findet nur bei trockenem Wetter statt.

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